Laura Siegemund: wenn Träume wahr werden


06.11.2023 - 22:46 - Jochen Fehr
Laura Siegemund

Laura Siegemund hat als erste deutsche Spielerin in der Geschichte der WTA Finals den Titel in der Doppelkonkurrenz gewonnen. Was sich angesichts ihrer Doppelqualitäten und der ihrer Partnerin Vera Zvonareva nicht gerade wie eine Sensation anhört, ist das verdiente Ende einer Saison, die für Siegemund und Zvonareva alles andere als nach Plan begann und in der es lange Zeit nach allem ausgesehen hat, nicht aber nach einer Teilnahme bei den WTA Finals am Saisonende.

Denn zu Beginn der Saison war vom Erfolgsduo Siegemund/Zvonareva auf der Tour nichts zu sehen. Zvonareva war nach den Titel in Miami 2022 überhaupt nicht mehr auf der Tour zu finden, Siegemund startete mit der Belgierin Kirsten Flipkens ins Jahr 2023, nachdem beide Ende 2022 bereits den Titelgewinnn in Cluj feiern konnten.

Zunächst schien diese Erfolgsgeschichte auch weitergeschrieben zu werden. Bei ihrem ersten Turnier in diesem Jahr in Hobart gewannen Flipkens und Siegemund den zweiten Titel in Folge. Danach jedoch gab es für beide nicht mehr viel zu holen und nachdem auch die Turniere in Dubai und Doha enttäuschend verlaufen waren, war das Ende der Partnerschaft gekommen.

Zvonareva hingegen bestritt erst im Februar 2023 ihr erstes Turnier seit dem Titel in Miami an der Seite der Chinesin Yang, an die Erfolge mit Siegemund konnte auch sie nicht mehr anknüpfen.

Nachdem Siegemund in Indian Wells an der Seite von Beatriz Haddad Maia das Finale erreichen konnte und dort den beiden Tschechinnen Krejcikova und Siniakova unterlegen war, sollte es in Miami ein Jahr nach ihrem gemeinsamen Triumph zur Wiedervereinigung der beiden Titelverteidigerinnen kommen. Mit der Titelverteidigung wurde es dennoch nichts, bereits in Runde zwei kam das Ende gegen Magda Linette und Bernarda Pera.

Trotz dieser Enttäuschung entschieden sich beide dazu, gegenseitig aneinander festzuhalten und die Saison gemeinsam zu Ende zu spielen. An Erfolge früherer Tage konnte man zunächst nicht anknüpfen. In Charleston scheiterte man an den späteren Titelträgerinnen Desirae Krawczyk und Danielle Collins, welche zuvor nie einen Doppeltitel ihr eigen nennen durfte und in Madrid war bereits zum Auftakt wieder Feierabend.

Die Negativserie von Siegemund und Zvonareva wollte auch danach kein Ende nehmen. Mit Lospech endete die erste Runde in Roland Garros gegen Cori Gauff und Jessica Pegula, in Berlin auf Gras reichte es ebenfalls nur zu einer Niederlage gegen Danilina/Xu.

Als die Saison der beiden schon total verkorkst schien und beide sie womöglich schon abhaken wollten, setzten sie in Wimbledon ein erstes kleines Lebenszeichen mit dem Überraschungserfolg über Gauff/Pegula in Runde drei. Doch auch diese Freude hielt nicht lange, denn eine Runde später gingen Marie Bouzkova und Sara Sorribes Tormo als Siegerinnen vom Platz.

Der absolute Saisontiefpunkt ereignete sich in Warschau, als Zvonareva die Einreise verweigert wurde und beide nicht gemeinsam antreten konnten. Dem in Wimbledon begonnenen Aufwärtstrend aber sollte dies zunächst keinen Abbruch tun. Wiedervereint in Washington räumten beide sensationell den Titel ab und feierten so etwas wie eine kleine Wiederauferstehung. An eine Teilnahme bei den WTA Finals war jedoch immer noch nicht zu denken bei fast 2000 Punkten Rückstand auf den hierfür notwendigen achten Platz.

Nach eher mageren Resultaten in Montréal und Cincinnati schien die Saison für Siegemund und Zvonareva so dahinzuplätschern. Erst ein nicht für möglich gehaltener Lauf ins US Open-Finale, in dem sie Gabriela Dabrowski und Erin Routliffe unterlagen, sollte beiden zumindest Außenseiterchancen auf Race-Platz acht eröffnen, auch wenn immer noch einige hundert Punkte zwischen ihnen und dem achtplatzierten Team lagen. Hervorzuheben ist hier das Viertelfinale gegen Victoria Azarenka und Beatriz Haddad Maia, das über die volle Distanz ging und in dem am Ende Nuancen über Sieg und Niederlage entscheiden sollten.

Mit dem großen Ziel im Blick begannen die beiden nun, jedes Turnier bis zum Ende der Saison mitzunehmen, um noch die kleine realistische Chance auf eine Teilnahme an den WTA-Finals am Leben zu erhalten. Zunächst triumphierten sie in Ningbo und erreichten in Peking zumindest das Viertelfinale. Ihr Vorteil: die noch vor ihn liegenden Taylor Townsend und Leylah Fernandez verzichteten auf die Fernostreise komplett und verpassten es somit, entscheidende Punkte für die Qualifikation zu den WTA Finals einzufahren.

Mit dem Erstrundenaus in Zhengzhou gegen Guo/Yang allerdings schien der Traum auf einmal doch ausgeträumt zu sein. Die Aufholjagd geriet ins Stocken und es blieb am Ende nur eine Option: Titelgewinn in Nanchang oder das Race auf dem undankbaren neunten Platz zu beenden.

Ursprünglich hatten für Nanchang alle gemeldet, die eventuell noch Punkte hätten brauchen können. Nachdem mittlerweile sieben Plätze nach Zhengzhou vergeben waren und nur noch Fernandez/Townsend und Siegemund/Zvonareva in der Verlosung waren, sagten alle andere Topteams kurzfristig ab und ebneten somit den Weg für etwas, was man drei Monate zuvor noch für absolut unmöglich gehalten hätte: Laura Siegemund und Vera Zvonareva reisen nach Cancun und wer Siegemunds Reaktion nach dem verwandelten Matchball in Nanchang erlebt hat, der weiß, wieviel ihr dies bedeutet hat.

Doch wer nun wenigstens auf etwas Losglück für das an Nummer sechs gesetzte Team gehofft hatte, der wurde bitter enttäuscht. Mit Gauff/Pegula stand ihnen das Nummer eins-Doppel im Weg, zudem befanden sich in ihrer Gruppe mit Krejcikova/Siniakova und Dabrowski/Routliffe zwei Paarungen, die mit mehreren Grand Slam-Titeln dekoriert waren.

Schon allein der Auftaktsieg über die beiden Tschechinnen galt annähernd als Sensation, was durch die darauffolgende Klatsche gegen Dabrowski/Routliffe auch untermauert wurde. Nachdem ursprünglich auch die dritte Partie am dritten aufeinanderfolgenden Tag über die Bühne hätte gehen sollen, hatte der Regen ein Einsehen und schenkte Siegemund und Zvonareva eine wohlverdiente Pause.

Weitere Wetterkapriolen sorgten dafür, dass die mittlerweile unterbrochene Partie gegen die beiden US-Amerikanerinnen erst am Sonntag beendet werden konnte. Diese waren bereits drauf und dran, selbst mit einem Erfolg ins Halbfinale einzuziehen, doch Siegemund/Zvonareva gelang es, mit einer konzentrierten Leistung, das Match noch zu drehen und bei 8:8 im Matchtiebreak die Nerven zu behalten.

Aufgrund des engen Zeitplans musste am selben Tag noch das Halbfinale absolviert werden. Gegnerinnen dort waren keine geringeren als die in ihrer Gruppe ungeschlagenen Storm Hunter und Elise Mertens. Wie bereits gegen Gauff/Pegula ging auch hier der erste Satz verloren, ehe die beiden last-minute-Qualifikantinnen die Partie klar in den Griff bekamen und mehr oder weniger ungefährdet das Finalticket buchen konnten.

Und dort warteten nun heute nicht wie erwartet die "Angstgegnerinnen" Dabrowski/Routliffe, sondern deren Bezwingerinnen Melichar-Martinez und Perez, die ihrerseits 2023 nicht einmal einen Turniergewinn verbuchen konnten. Obwohl Siegemund und Zvonareva das komplett Match über die Partie dominierten, vergaben sie viele Chancen, um ein weitaus deutlicheres Finalergebnis zu erzielen als es das 6:4 und 6:4 letztlich aussagte.

Doch unabhängig dessen: für die 35-jährige Laura Siegemund hat sich im Spätherbst ihrer Karriere ein Traum erfüllt, an den sie mit Sicherheit selbst niemals geglaubt hätte. Eigentlich wäre nun der perfekte Moment, um eine spät in Fahrt gekommene Karriere auf ihrem Höhepunkt zu beenden. Beim Blick auf die Weltrangliste jedoch zeigt sich: die Nummer eins ist für die Deutsche auf einmal in greifbarer Nähe. Schätzungsweise reichen ihr an der Seite von Zvonareva sechs Siege bei den Australian Open im Januar, um auch noch dieses Ziel zu erreichen. Doch selbst wenn ihr dies verwehrt bleiben sollte: der Traum vom Titel bei den WTA Finals ist wahr geworden. Du kannst jetzt aufwachen, Laura.